Kann Physik alle Phänomene der Welt erklären?

Heute sicher nicht, wenn auch das nicht immer so offensichtlich ist. Viele Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass die heute bekannten Naturgesetze, wie sie in der Quantenmechanik und Relativitätstheorie formuliert wurden, schon vollständig und Erklärungsdefizite auf deren noch unzulängliche Anwendung zurückzuführen sind. Das erinnert an die Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Maxwell und die meisten Physiker glaubten, alle Naturgesetze seien jetzt bekannt und zukünftige Wissenschaftlergenerationen müssten sich mit der langweiligen Aufgabe zufrieden geben, die identifizierten Naturkonstanten immer genauer experimentell zu bestimmen. Die damalige Mehrheitsmeinung stellte sich kurz darauf als grandioser Irrtum heraus wegen zweier winziger Details, die sich erst aus exakten Messungen ergaben – der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die genaue Untersuchung des photoelektrischen Effekts.

Solche irritierenden Details befeuern auch heute den Zweifel. Quantenmechanik und Gravitation, auf denen die moderne Physik beruht, sind im Grenzbereich nicht kompatibel. Das Problem einer Vereinheitlichung ist seit hundert Jahren ungelöst und es gibt noch immer keinen klaren erfolgversprechenden Weg, wie das geschehen könnte. Hier liegt ein unübersehbares Signal dafür vor, dass die Modelle noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein können. Roger Penrose formulierte Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts seine Erwartung, dass die gesuchte Theorie aus heutiger Sicht sicher verrückt erscheinen würde.

Andererseits beschreiben die beiden Säulen der Physik für sich genommen die Wirklichkeit zumindest für alle praktisch relevanten Belange absolut zutreffend. Besser stellt man also die Frage danach, ob denn Physik den Anspruch erheben sollte, eines Tages wirklich alle Erscheinungen im Universum verstehen zu können. Sollen Begriffe wie Religion, Glaube, Emotion, Gefühle, Liebe, Bewusstsein und andere nebulöse, schwer fassbare Begriffe Gegenstand der Physik sein? Und wie soll dieses umfassende Verständnis gestaltet sein? Ist alles im Universum prinzipiell vorhersagbar, sind also Zukunft und damit Vergangenheit vollständig bestimmt, wie es die Anhänger Newton‘s und Einstein‘s glauben? Oder heißt vollständiges Verständnis sich einzugestehen, dass das Leben und das Universum chaotisch und prinzipiell unvorhersagbar ist, wie es eher der Gedankenwelt von Leibniz bis Heisenberg entspricht? Einstein hat den fundamentalen Zufall, wie er sich in dem immer noch mysteriösen quantenmechanischen Messprozess zeigt, als Prinzip der Physik Zeit seines Lebens immer abgelehnt. Dreißig Jahre nach seinem Tod erst wurde er darin widerlegt. Echter Zufall und damit verbundene prinzipielle Unvorhersagbarkeit widerspricht der ganz zentralen Aussage der Relativitätstheorie, genauso wie schon einer Allgemeingültigkeit der Newton‘schen Mechanik. Aus Sicht der Relativitätstheorie ist der Messprozess unerklärlich, inakzeptabel und mysteriös. Aus Sicht der Quantenmechanik bleibt die Gravitation etwa genauso unerklärlich und sperrt sich erfolgreich gegen alle Versuche zur Vereinheitlichung mit den anderen bekannten Fundamentalkräften. Genauso mysteriös ist nach wie vor der ergebnisbestimmende Einfluss des (bewussten?) Beobachters bei quantenmechanischen Messungen.

Vielleicht hängen die bestehenden Mysterien viel direkter zusammen, als man gemeinhin annimmt und akzeptiert. Vielleicht existiert eine unmittelbare Verbindung zwischen dem quantenmechanischen Messprozess, der Gravitation und Bewusstsein. Dieser Auffassung gehen inzwischen seriöse Wissenschaftler nach und ziehen eine zentrale Bedeutung eines Konzepts wie Bewusstsein, wenn es denn geeignet definiert werden kann, für physikalische Prozesse in Betracht. Bisher beklagen die Protagonisten allerdings, dass kein mathematisches Modell bekannt ist, um diesen Verdacht zu stützen. Aber es gibt solche Ansätze, die allerdings erst den Weg in die akzeptierte Wissenschaft finden müssen und vor allem müssen sie experimentell belegbar sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.